Ein Zahlenflüchtling

Das würde auch gut zu Provinzmadame passen, denn Geld ist Energie und die braucht sie für klare Gedanken. Außerdem sorgen Zahlen in Grün für mehr Ruhe und Gelassenheit in der Seele. Noch heute macht sie negative Kontoauszüge unter dem fließenden Wasserhahn nass, knüllt sie zusammen und drückt sie aus wie einen Fetzen. Danach entsorgt sie diese im Mülleimer „entsorgt“, was da mal drin ist, kann keiner mehr entwirren oder lesen. Überhaupt ist der Abfalleimer einer, der bei ihr nix mehr hergibt wenn es mal drin ist.

Sie will Platz für „gute Zahlen schaffen“

Zahlen, die so zuverlässig und unverrückbar sind, als wären sie in Stein gemeißelt. Nun könnte man meinen, Provinzmadame hat ihre Ausgaben nicht im Griff, aber nein!
Der größte Übeltäter ist der Gelegenheits-Verführer, Ausgaben, die nur deshalb entstehen, weil sie zu höflich ist um abzulehnen.

Eine Freundin will ins Restaurant? Na klar, das sind die roten Zahl doch wert. Oder, ihre Nichte, die zu viel auf der Kerzenparty bestellt hat? Her damit! Immerhin liebt sie Kerzen und nimmt ihr eine Packung ab… ach was, gleich zwei. Und – wer könnte einem Sundowner widerstehen, der ungeplant in einem Dinner endet? Selten Provinzmadame. Nur:

Übeltäter tauchen meist in Schwärmen auf

Dann redet sie sich ein: Das ist alles eine Investitionen ins wahre Leben. Kerzen? Warum nicht, umrahmen sie doch einen romantischen Abend – oder stehen dekorativ im Wohnzimmer. Atmosphäre ist für Provinzmadame unbezahlbar.
Es sind ihre ungeplanten Ausgaben, die müssen eine Liste haben, weil sie so selten alleine kommen.

Sie fährt beim spontaner Gartencenter vorbei, wobei sie einen ungeplanten Stopp einlegt und der Wagen ist voller Pflanzen. Wenn sie ehrlich zu sich selber wäre, müsste sie wissen, dass sie sowieso nach drei Wochen eingehen, weil sie aufs Gießen vergisst.
Oder ein Blick von Außen in die Buchhandlung“ – endet auch meist mit einem neuen Buch, obwohl sie noch einen Turm ungelesener Magazine daheim hat.

Das Dilemma

Sie hat einfach ein zu weiches Herz – in der Kombination mit – „das könnte ich sowieso mal brauchen“ oder „das ist ein Schnäppchen“ – und daher: unwiderstehlich.
Selbst wenn sie sich vornimmt stark zu bleiben, der Charme und die Liebe zum kleinen Luxus siegt.
Am Ende betrachtet sie ihre Kontoauszüge, entweder mit Panik oder Achselzucken und denkt: „So ist das Leben“ und freut sich über ihre neuen weißen Stiefelchen.

Bei einer angezündeten Duftkerze am Abend, einem dekorativen Blumenstrauß auf dem Tisch und einem neuen Buch auf der Couch, fühlt sie sich bestätigt: Schließlich lebt man nur einmal – und das jeden Tag 🙂

Damit rechtfertigt Provinzmadame jede ihrer ungeplanten Ausgaben und ist aber leider auch einer der Gründe, weswegen ihre Ehe mit dem „Sospartes“ nicht hielt. Immerhin ist er der Überzeugung: „Provinzmadame ist eine Geldvernichtungsmaschine“ – tja:

Es gibt Leute, die gut zahlen, die schlecht zahlen, Leute, die prompt zahlen, die nie zahlen, Leute, die schleppend zahlen, die bar zahlen, abzahlen, draufzahlen, heimzahlen – nur Leute, die gern zahlen, die gibt es nicht.
Georg Christoph Lichtenberg

„Zahlenflüchtling“ – „Staubflüchtling und Kalorienflüchtling“

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