50 Shades plus eight

Früher las Provinzmadame Geburtsanzeigen, heute mehr Todesanzeigen. Sie zählt die Geburten und Sterbefälle, vergleicht die Zahlen, um zu sehen, ob wirklich eine Überbevölkerung ansteht. Seit ihrem Vierziger genießt sie jeden Moment, verschwendet keinen Gedanken an „ein Leben danach“. Für sie ist Tatsache: Das Leben überlebt keiner. Als ihre ältere Schwester nach einem Schlaganfall samt Ehemann ins Pflegeheim kam, hatten sie und ihre Geschwister die undankbare Aufgabe, deren Wohnung aufzulösen. Mussten entscheiden was bleiben soll. Dabei hat sich Provinzmadame nicht nur einmal gefragt, ob sie diese Frau, ihre Schwester wirklich kannten.

Woran will man sich erinnern?

Wohl doch nicht durch deren Gebiss im Nachtkastl, an die verstorbene Mutter? Oder die Kassenzettel vom letzten Jahrtausend an den Einkauf? Nicht loslassen können, äußert sich bei manchen echt merkwürdig. Provinzmadame ist eine empathische „Wegwerferin“, sie hebt nur das auf, was sie an persönliche, tiefgreifende Lebensphasen erinnert. Da gehört das Gebiss der Mutter sicher nicht dazu. Von ihr hat sie ein Bild in der Küche und ein Andenken am Nachttisch. Außerdem achtet sie seitdem Vorfall noch stärker darauf, dass ihre Kinder so wenig Arbeit wie möglich, mit ihrer Hinterlassenschaft haben. Die Dokumente sind geordnet, die „Penner“ aus dem Schrank verbannt und die Wohnung meist aufgeräumt. Das erinnert sie an ein Gespräch mit ihrer Busenfreundin. Diese hat seit Jahren einen Overall im Kasten, in den sie nicht mehr reinpasst, sie meint aber: „Der is so schön, dann sollens mir den halt im Sarg drauflegen“

Ist das Altersbedingt?

Mit welchen Gedanken man die Wohnung heute verlässt? Nicht mehr wie Susi sorglos: „zieh dir geile Wäsche an, man weiß ja nie“, sondern: „Besser Schwarz, denn wenn, soll der Sargtischler auch was davon haben“. Und überhaupt, wohin mit den delikaten Dingen wie den Tschurifetzen?
Die Töchter sind erwachsen und eine Verwechslung wie Anno dazumal, sowieso unmöglich. Bei dieser Erinnerung ans Familienfrühstück, möchte Provinzmadame heute noch im Erdboden versinken. Kam das Kind daher gerannt, schnappte nach Luft und fragte anklagend: „Mamma, wo is die kleine Raketn die vorher auf dem Bett lag“– omg.

Wenn sterben, dann mit einem Lächeln im Gesicht

Provinzmadame ist jederzeit bereit und hat keine „Rechnung“ mehr offen. Es ist alles geregelt um einen letzten guten Eindruck zu hinterlassen. Sie geht seither auch regelmäßig zur Fußpflege und Friseur, außerdem trägt sie ihre Dessous nur mehr in Schwarz. Die Trauernden sollen a „Scheene Leich“ ham und später mal am Grabstein lesen können: „Was guckst du, ich würde auch lieber am Strand liegen“ – dem ist nichts hinzuzufügen, außerdem:

Ein Mensch sieht ein, dass wer, der stirbt, den andern nur den Tag verdirbt.“ Eugen Roth


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