Kann ein nein, Leben retten?

Provinzmadame fährt die Seestraße entlang, als es vor ihr zum Stau kommt. Zwei Damen stehen nervös am Straßenrand und gucken auf den Boden. Frau Gertrude bleibt stehen und steigt aus, sie sieht das Malheur. Die junge Frau, zwei Autos vor ihr, hat einen Marder angefahren. Im Dorf, das meistgehasste Tier. Jetzt liegt einer zuckend mit blutender Nase auf der Fahrbahn. Aufgeregt meint eine: „Wir müssen die Tierrettung rufen“. Frau Gertrude versichert: „Bis die kommt, ist er längst tot“. Ihre Lösung, den Rat vom Dorfjäger befolgen und bei so etwas jemanden fragen, ob er ihn erschlagen kann.

Die Männer in der Kolonne verneinen alle

Schütteln den Kopf und wirken eher ungeduldig. In der Zwischenzeit ist die, die das Tier angefahren hat, abgefahren, die dumme Kuh. Super. Frau Gertrude erkennt als letzte Rettung den Heckenschneider an der einen Seite und den Seegrundbesitzer in Rente, auf der anderen. Doch keiner der Beiden fühlt sich in der Lage, das arme Viech zu erlösen. Lastwagen rasen mehr um die Kurven als fahren. Frau Gertrude erspäht eine Schubkarre und handelt. Packt ein „Plastikhuterl“ der Straßenmeisterei und schiebt beides zum Marder. Das Plastikding als Schauferl verwenden und ihn in die Scheibtruhe bugsieren. Da torkelt der Depp vom Straßenrand, mitten auf die Straße. Kommen etwa Lebensgeister zurück?!

Der Stau reicht ziemlich weit zurück

Soll er weiter leiden? Die Frauen debattieren und eine meint sogar: „Kann man ihn hoch heben?“ Provinzmadame wollte grad rauspusten: „Bist du noch zu retten, Tollwutgefahr!“ Sie hätte ja sagen sollen und abwarten, ob sie ihn dann immer noch lieb findet. Jaja, hierzulande Marder retten aber Bettler verjagen. Die hinter Provinzmadame meint, jemand soll ihn zum Tierarzt fahren. Genau, im Kofferraum oder am Beifahrersitz?

Warum schon wieder sie?!

In diesem Moment macht der Marder zwei unkoordinierte Sätze und verschwindet im Gebüsch. Jetzt liegt er wenigstens nicht mehr auf der Straße, aber Provinzmadame bemerkt: Sie steht alleine da, die vorderen sind weg und die hinteren haben sie überholt.
Da kommen ihr moralische Bedenken. Was, wenn sich doch einer getraut hätte? Wäre ihre Ungeduld Schuld, wenn es dem Marder das Leben gekostet hätte? Ein Freund beruhigt sie am Abend:
„Brauchst kein schlechtes Gewissen haben. Wer so ein Viech nicht erschlagen kann, fährt normal nochmal drüber. Aus der Nase bluten deutet meist auf Schädelbruch hin und er verreckt sowieso beim See“.
Tja, so einfach ist das für einen Mann.


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