Der Super-GAU aus Salzburg. Ihre Tante, die „nur“ vier Kinder hatte und der Mann Beamter war, der sich bis ins hohe Alter, bester Gesundheit erfreuen konnte.
Im Gegensatz, Provinzmadames Familie, die mit fünf Geschwistern, zu acht in einem Haushalt lebten.
Der Vater von Provinzmadame starb mit 43 und hatte damit, ihre Mutter schon früh zur Witwe gemacht. Mit fünf unmündigen Kindern, konnte man daher keine großen Sprünge machen.
Trotzdem blieb ihre Mutter lebensfroh und war äußerst liebevoll. Da wollte sie halt wenigstens den zwei Jüngsten, ab und zu mal, einen kleineren Wunsch erfüllen.
Deswegen tanzte die Tante aus Salzburg auch alle zwei Jahre an, um, wie Provinzmadame es empfand, „Almosen“ abzuliefern.
Die „abgelegten“ Kleider ihrer Cousinen aus der Stadt, damit die Kinder aus der Provinz, auch mal „gscheite“ Klamotten tragen können.
Wie sie das hasste, ein ganzes Jahr im Zwillingslook mit der jüngeren Schwester.
Ordnungssinn und Tierhaushalt
Spielt in einer Großfamilie eine andere Rolle, weshalb, falls sich Tante Hilda aus Salzburg ankündigte, viel versteckt und weggeräumt wurde, bis auf die Viecher von Provinzmadame, da wussten sie nicht, wohin damit.
Die hausten nämlich in der Badewanne, in einem „Babybadewandl“, weil für einen richtigen Käfig, war ja kein Geld da.
Darüber konnte sich die Tante richtig echauffieren. Zwei Meerschweinchen, zwei Goldhamster, zwei weiße Mäuse und einen Wellensittich. Da schrieb ihr Schwager sogar ins Familienalbum: „Viecher-Ingrid“.
Tja, wenn der Sitznachbar in der Schule, wieder mal von einem Wurf schwarzer Mäuse erzählte, konnte es sein, dass zwei von denen, „übers Federpenal“, ihr Zuhause wechselten.
Echte Schnäppchen sozusagen, nur fünf Schilling pro Stück!
Tante Hilda und ihre Moral
Jeder Haushalt hat nun mal „Wohngeruch“ und der von Provinzmadames Zuhause, war leider öfter: „Wieder mal nicht ausgemistet“.
Gottseidank legte sich der Hang zur Kleintierhaltung im Teenageralter, dafür überkam sie der Drang nach Kleidungsfreiheit: Der nächste Aufreger!
Die durchsichtige Bluse, weshalb der erste Kommentar der Tante: „Das trägt man so in Salzburg nicht“ war, Provinzmadame wenig beeindruckte. Ihre Mutter nahm das locker und meinte höchstens: „Du musst so vor die Tür, nicht ich“.
Also, saß sie da, mit stolz geschwellter und nackter Brust, unter der Bluse. Das Outfit hatte sie absichtlich gewählt, als sie erfuhr das hoher Besuch aus Salzburg kommt. Damit die „Pfunsen“ endlich sieht, dass sie nicht hinterwäldlerisch in der Mode sind, sondern um Jahre voraus.
Den Input dafür gab ihr die Show am Vorabend: „Wünsch dir was“ – Gassenhauer der Siebziger, die Samstags im TV ausgestrahlt wurde. Thema diesmal: Toleranz in der Gesellschaft.
Dazu musste ein junges Fräulein in durchsichtiger Bluse, ohne BH, über die Bühne zur Familien – „Schnecke“ gehen. Heißa, das war ein Skandal, weswegen die Show am nächsten Tag auch in jeder Zeitung verrissen wurde.
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Für Provinzmadame aber so inspirierend, dass sie ihre Bluse genauso getragen hatte. Jung und aufmüpfig wie sie war, wollte sie außerdem sexy für ihren Freund sein.
Die Tante starrte mit weit aufgerissenen Augen auf ihre Brüste
Das genoss Provinzmadame, denn die Tante kämpfte mit Schnappatmung. Selbstverständlich atmete sie dann extra tief und provozierend ein, saß sie ihr doch genau gegenüber.
Dieser überspannte Wahn der Tante, die Familie ihrer Schwester, für zweitklassig zu erklären, hasste Provinzmadame. Deshalb auch die Genugtuung, über die Empörung der Tante, als sie ihr Freund dann noch abholte.
Nach diesem Besuch ließ ihr die Tante ausrichten: „So gehen nicht mal die Nutten in Salzburg vor die Tür!“ Pha, woher wollte sie das wissen, wo sie solche Gegenden doch nicht mal ignorierte!
Wie sie erst viel später erfuhren, fand das Beste Ereignis kurz darauf statt. Die Tante sollte ein perfektes Dinner für ihren ersten Schwiegersohn ausrichten. Eine Überraschung ihrer ältesten Tochter: „Rat mal wer zum Essen kommt“ –
Ha, in den Siebzigern noch sehr außergewöhnlich und für die intolerante Dame aus Salzburg, garantiert, ein noch größerer Schock, als die durchsichtige Bluse von Provinzmadame.
Sie erholte sich aber relativ schnell davon, konnte sie doch allen erzählen, dass der Schwiegersohn einen Doktortitel hat.
Doch auch heute ärgert es Provinzmadame noch, wenn einige Leute meinen, sie seien etwas Besseres, nur weil sie sich einen gehobeneren Lebensstandard leisten können.
Das erinnert sie an einen Spruch, den ihr ein Lehrer ins Stammbuch schrieb:
„Lasse jeden wie er ist, damit auch du bleibst, wie du bist“
Tja, deshalb wohl:
„Einige erzeugen Freude, wohin immer sie gehen; andere, wann immer sie gehen“ – Oscar Wilde
