Manchmal hat Provinzmadame das Gefühl, das Alleinsein hat ein Imageproblem. Für einige ist es sowieso nur ein Übergangszustand, den man so schnell wie möglich beenden muss.
Für einige scheint es auch so, als hätte der, der alleine ist, etwas falsch gemacht, schwierig oder zu anspruchsvoll ist. Dabei war Alleinsein nie so gegenwärtig wie jetzt. Eine paradoxe Zeit.
Nie, war man so leicht erreichbar, so eng vernetzt, konstant begleitet von Stimmen, Bildern und Meinungen. Und doch hat man das unangenehme Gefühl: Man ist allein, mitten im Trubel.
Im Café, im Zug, umgeben von Körpern, die alle nur auf ihr Handy starren. Und am Abend, wenn der Tag auch voll war, keiner anruft. Theoretisch am Wochenende Zeit hätte, alles zu machen, aber keiner Zeit hat.
Früher war das Alleinsein eine äußere Tatsache
Man war Allein, weil niemand da war. Heute, ist es oft ein innerer Zustand. Man ist allein, obwohl andere da sind, manchmal auch nur: Im Chatfenster oder als Sprachnachricht.
Provinzmadame hat das sogar Gefühl, dass man heute Nähe, nur mehr Häppchenweise bekommt.
Keine Verbindlichkeiten mehr und auf die Frage, „Was man gerade tut“ – kommt als Antwort: „Ich muss noch Erledigungen erledigen“ – so was von Gaga.
Gleichzeitig hat Alleinsein eine erstaunliche Karriere gemacht. Es wurde neu verpackt und psychologisch aufgewertet. Täglich sieht man irgendwelche Werbeanzeigen für:
Allein reisen, allein essen, allein wohnen, allein spazieren, alles normal und als Lifestyle verpackt.
Jemand der heute alleine lebt, gilt als unabhängig und selbstgenügsam. Das sieht man in sozialen Medien besonders gut: Da steht eine Person am Fenster, den Kaffee in der Hand, Sonnenlicht und Ruhe. Alleinsein – als ästhetischer Zustand, aber ohne Emotionen.
Zwischen gewollt und ungewollt
gibt es einen Unterschied, denn für viele, ist das Alleinsein nicht erholsam. Sie fühlen Leere im Alleinsein, obwohl sie viele Kontakte haben, aber doch wenige Beziehungen, mit denen man kommunizieren oder etwas teilen kann. Man funktioniert im Alltag, aber es ist niemand da, bei dem man einfach nur sein kann.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht am Alleinsein selbst, sondern darin, dass wir einem anderen keinem Platz zugestehen? Heutzutage darf ja nix mehr dauern, wehtun oder stören und sobald es unangenehm wird, greifen wir zum Smartphone als Ablenkung, oder zappen zur nächsten Serie.
Stille muss sofort gefüllt und die Einsamkeit betäubt werden. Dabei wäre das Alleinsein der Ort, an dem auch etwas entstehen kann, wie: Klarheit, Sehnsucht, Verbundenheit mit sich selbst und vielleicht, sogar doch mit einem anderen.
Alleinsein ist kein Randphänomen
Sondern ein Spiegel der Gesellschaft. Er zeigt uns, wie wir leben, arbeiten und Beziehungen organisieren. Und zeigt auch, wie viel wir kommunizieren und wie wenig wir zuhören, uns selber mit eingeschlossen.
Doch, wer das Alleinsein aushält, merkt erst was ihm wirklich fehlt. Und wer weiß, was fehlt, kann sagen, was er braucht. Vielleicht unbequem, aber ehrlicher, als eine permanente Simulation von Nähe.
Ein erster Schritt wäre, das Alleinsein bei anderen nicht immer gleich zu bewerten. Es nicht als Defizit zu sehen, aber auch nicht romantisch verklären. Sondern als Zustand erkennen, der uns etwas erzählt, über uns und die Zeit, in der wir leben.
Deshalb stellt sich Provinzmadame die Frage: „Wie viel Verbundenheit wollen wir überhaupt?“
Am Ende ist das Alleinsein nicht das Gegenteil von Gemeinsamkeit, sondern manchmal, sogar Voraussetzung.
Provinzmadame schafft es alleine
weil sie Alleingänge von Kindheit an gewöhnt ist. Damals hieß es schon: –„um Sie, muss man sich nicht kümmern“ – „die schafft das alleine“.
Klar doch, aber sie hätte trotzdem gerne jemanden an ihrer Seite gehabt, der hinter ihr oder zu ihr steht.
Sollte es also doch nochmal passieren, dass sie sich verliebt, dann nicht mehr auf Ehe – Basis oder nur „Ambulant“ – sondern, um „zweisam“ – die schöne Seite vom Lebensabend zu genießen.
Wenn nicht, wird sie´s raffen, auch wenn es ihr nicht immer leicht fällt.
„Ich hab Angst vor Nähe, aber noch mehr Angst vor keiner. Ich bin gerne allein, aber ungerne einsam“ – Julia Engelmann
