Stimmt nicht, sondern täglich. Provinzmadame denkt gerade darüber nach, was ihre Mutter dazu sagen würde. Sie war der einzige Mensch, der nichts, aber auch gar nichts, an Provinzmadame kritisierte. Im Gegenteil, sie ermunterte sie, sich selber treu zu bleiben. Eigentlich hat sie bei niemanden etwas „beanstandet“, das ist ein Makel der heutigen Zeit. Sie hatte wegen der Sturheit ihrer Großmutter, mit vierzehn Jahren, ihre geliebte Heimat verlassen müssen. Über den Film „Verlorene Heimat“ meinte sie nur traurig: „Genauso wars“. Allein, hat sie sich gefühlt, al sie mit grade Fünfzehn, ihr „Pflichtjahr“ in einem Braugasthof absolvieren musste. Danach, in einer ihr fremden Stadt, eine Lehre beginnen. Ihre Großmutter hatte den ganzen Stress nicht überlebt und ihre Mutter, hatte 1939, den Kaiserschnitt nicht überlebt.
Hatte es die Schwester leichter?
Ihre ältere Schwester machte das Pflichtjahr in Strobl am Wolfgangsee. Ihr Verhältnis war nie recht herzlich, dabei wünscht doch jeder nichts sehnlicher, als im Arm gehalten und geliebt zu werden. Die Mutter von Provinzmadame hat dann einen gefunden, aber leider hatte er keine „guten“ Absichten. Der bittere Nachgeschmack bekam einen Namen, ihr Halbbruder.
Nachdem sie den Vater von Provinzmadame kennengelernt hatte, wurden drei Mädchen und drei Jungen „draus“. Ihr Vater war nach zwanzig Jahren Großfamilie, ständig finanziell und seelisch überfordert. Die Mutter mit 44 Jahren Witwe und mit sechs unmündigen Kindern allein. Provinzmadame war da grade mal zehn Jahre, nun kannten sie es nicht anders, also fehlte es auch NICHTs. Im Gegenteil, es war endlich war Ruhe im Haus. Der Vater war Choleriker und alle wünschten sich nur eins: RUHE!
Sie hatte es geschafft und alle durchgebracht
Geputzt, gekocht, gewaschen, auch außer Haus, damit das Geld reicht. Als es gerade ein wenig bergauf ging, traf der schwerste Schicksalsschlag ein:
Der zweitälteste Sohn, verunglückte mit 21 Jahren tödlich. Das hatte ihr das Herz gebrochen und sie hatte sich nie mehr davon erholt.
Schluss, aus Amen!
Sie konnte dann doch noch ein paar „schöne“ Jahre als Frau, Oma und Uroma genießen. Das Schicksal ließ ihr aber nicht lange Luft und sie bekam ihren ersten Schlaganfall! Provinzmadame war längst weggezogen, doch Sonntag, war „ihr“ Tag. Die Familie traf sich stets beim „Herzigratzerl“, sie hatte am meisten Platz von allen. Irgendwann, spürte Provinzmadame, dass es ihrer Mutter nicht mehr so gut geht. Nahm sich deswegen vor, wenn sie ihre Mutter das nächste Mal nach Hause bringt, sich die Zeit zu nehmen und noch ein wenig zu bleiben, sie in den Arm nehmen und ihr sagen: „Ich hab dich lieb“
Alles nur wegen dem sch.. Auto
Mit diesem musste sie stets vorm Haus stehen bleiben, eine schmale Straße, wo Parken nicht erlaubt ist. Provinzmadame bekam jedes Mal Stress und Angst, dass „einer auffährt“, wodurch sie hinterher eine riesige Standpauke vom Ehegemahl erwarten konnte.
Noch heute sieht sie ihre Mutter in der Tür stehen und sie, bringt kein Wort heraus, aus Angst, ihre Mutter würde sich zu sehr aufregen. Ja, sie hätten sicher beide geweint, als ob sie es gespürt haben, dass es ihr letztes Mal ist.
Sie wollte viel öfter zu ihrer Mutter, nicht nur Sonntags, viel öfter, zu den vielen lustigen und manchmal, auch traurigen Treffen.
Ihre Kinder haben sie immer spüren lassen, wie wertvoll sie für sie ist und wie sehr sie sie liebten.
Provinzmadame glaubt an kein Leben danach, aber ans Universum, das einen hier Glück und Liebe bescheren kann. Sie besucht das Grab ihrer Mutter zwar selten, aber sie trägt sie täglich in sich, bis an ihr eigenes Lebensende.
