Denken und Tun, sind zwei paar Schuh

2–3 Minuten

Zu ihrem Fünfziger wollte Provinzmadame etwas Besonderes tun und erzählte ihren Freunden die euphorische Vision: „Ich werde den Jakobsweg, „direttissima“ von der Haustür weggehen. Ab nach Santiago di Compostela“. Alle um den Tisch Versammelten saßen mit offenem Mund da. Kurz darauf aber, kamen die ersten Einwände: „Das ist unmöglich, müsstest du ja übers Gebirg und Meer laufen“, außerdem ist die Strecke, in drei Wochen unmöglich zu schaffen?!“
Demonstrativ öffnete der „Zweifler“ Google Maps und fuhr mit dem Zeigefinger, ihre geplante Route entlang. Die Stimmung wurde chaotisch und Provinzmadame beschwichtigte.
Natürlich hatte sie es nicht so wörtlich gemeint. Es war eine Idee, weil sie zum „Runden“ unbedingt etwas Außergewöhnliches machen wollte. Das ist Jahre her und in der Zwischenzeit,

hatte sie eine noch „effektivere Idee“

Außerdem, wenn zu viele das gleiche wollen, interessiert es sie aus Prinzip schon nicht mehr.
Ihre Alternative, eine Etappe der Tour de France, um „ihre Tour des Lebens“ daraus zu machen.
Doch alles kam alles, denn zum Fünfziger, hatte sie sich scheiden lassen!
Nach über Dreißig gemeinsamen Jahren, hatte sie den Schritt gewagt und sich aus einem finanziellen und sorglosen Alltag herauskatapultiert. Dabei hatte sie ihre Lebensphase schon mit „Krebs“ verglichen, dabei zählt auch nur Durchkommen – und das, schaffen wirklich nur die richtig „Harten“.
Ob Feuerlauf, Marathon, Santiago, Tour de France, das alles hatte sie abgehakt, sollte es doch nur stellvertretend dafür sein, eine Veränderung herbeizuführen.

Wer über einen solchen Neustart nachdenkt

Sollte erst mal seine körperliche und geistige Widerstandskraft prüfen und testen, ob er diesem Druck überhaupt standhalten kann.
Damals war der Leidensdruck von Provinzmadame schon so groß, dass es ihr egal war, mit wie wenig Geld sie danach auskommen musste. Im Vergleich, könnte man ihre Rente auch Sterbehilfe nennen. Die Kinderzeiten werden zwar angerechnet, aber die Pflegezeit der Schwiegermutter und ihre Halbtagsjobs, rächten sich nun.
Wenn sie sich mehr leisten will, als sie zum Leben braucht, muss sie bis an ihr Lebensende dazuverdienen.
So was ist für einige „Häuslmenschen“ undenkbar, weshalb sie lieber zweimal jährlich 42,195 Kilometer laufen, als von ihrem Haus, in eine kleine Wohnung zu ziehen. Stimmt, ein Marathon ist auch nicht leicht zu schaffen, dafür „läuft“ man auf der sicheren Seite und danach, garantiert zu Müde, seinen wahren Lebenstraum zu verwirklichen.
Dafür lebt Provinzmadame den Rest ihres Lebens dankbar, zufrieden und glücklich, statt unglücklich.
Noch eines, auf Freunde kann man aber nicht mehr zählen, denn viele subtrahieren sich gleich nach der Scheidung. Wahrscheinlich hatten sie noch mehr Angst, vor diesem „Abstellgleis“.

War es die neue „Freiheit“ wert?

Welche Freiheit, die von Verpflichtungen? Das war nicht der Grund. Provinzmadame träumte von einer Beziehung mit „Gemeinsamkeiten“, etwas, das über die „Kinder“ hinaus andauern sollte und keine pausenlosen Rechtfertigungen.
Im Idealfall entwickelt man sich als Mensch weiter und in einer Ehe, am besten beide Partner, fürs gleiche Ziel. Wenn dem nicht so ist, wie würden die letzten gemeinsamen Ehejahre aussehen? Den Frust beim Partner auslassen, nebeneinander her leben und immer gleichgültiger werden?

So wollte Provinzmadame den gemeinsamen Lebensabend nicht verbringen.

„Balance der Partnerschaft: von anderen nicht mehr verlangen als von sich selbst“ – Ernst Reinhardt

2 Gedanken zu “Denken und Tun, sind zwei paar Schuh

  1. Ich hab mit fünfzig eine zweijährige Zusatzausbildung begonnen, und bin sehr glücklich, dass ich es tue, auch wenn manch einer stirnrunzelnd auf mich schaut und sagt: lohnt sich das denn? Du gehst doch eh bald in Rente. Und andere sagen mir, dass sie es bewundernswert finden, dass ich mich traue. So denkt jeder anders und mit fünfzig oder sechszig oder auch siebzig kann doch immer noch was Passieren.

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